Alpe d’Huez: 7 irre Radsport-Geschichten zum „Berg der Holländer“

Alpe d’Huez: 7 irre Radsport-Geschichten zum „Berg der Holländer“

Radsport: Heute steht bei der Tour de France eine Bergankunft in Alpe d’Huez auf dem Programm. Der mythische Berg ist jedem Radsportfan ein Begriff. Mit seinen 21 Serpentinen lehrt er den Fahrern das Fürchten. Doch die Zuschauer freuen sich: Rund eine Million Radsportbegeisterte werden erwartet. Wir blicken auf 7 irre Geschichten zurück, die in Alpe d’Huez geschrieben wurden.

1) Alpe d’Huez 1976-1989: Der „Berg der Holländer“ wird geboren

Vielen Fans im Radsport ist der Anstieg nach Alpe d’Huez als „Berg der Holländer“ bekannt. Der Grund für diese Bezeichnung liegt jedoch weit zurück. 1952 wurde die Skistation erstmals bei der Tour de France angesteuert. Erst 1976 war das Peloton wieder zu Gast im französischen 1.000-Seelen-Dorf. Dann begann die Zeit der Niederländer. Von 1976 bis 1989 trugen sich acht Holländer in die Siegerliste ein. Es schien fast so, als würde das Flachland die 21 Kehren dominieren. Doch dieser Mythos ist längst vorbei, denn seit Gert-Jan Theunisse 1989 in Alpe d’Huez gewann, durfte kein Niederländer mehr hier jubeln. Im Gegenteil: Sechs der nächsten sieben Gewinner kamen aus Italien. Seit 1999 durften sich jedoch auch die Italiener nicht mehr über einen Erfolg freuen. Aktuell scheint sich der Anstieg zum „Berg der Franzosen“ zu wandeln. Die letzten drei Austragungen gingen nämlich an Pierre Rolland, Christophe Riblon und Thibaut Pinot.

2) Alpe d’Huez 1977: Begleitfahrzeug nimmt Bergkönig Van Impe den Sieg

Die Tour de France ist untrennbar mit dem Namen Lucien Van Impe verbunden. Der Belgier gewann das Bergtrikot sechsmal und fuhr neben seinem Gesamtsieg 1976 noch dreimal aufs Podium. Doch der stärkste Kletterer seiner Zeit gewann nie in Alpe d’Huez. Dabei war er im Jahr 1977 kurz davor, ehe ihn ein Begleitfahrzeug von seinem Arbeitsgerät rammte. Lucien Van Impe blieb somit nicht nur der Tagessieg verwehrt, sondern auch der spätere Gesamtsieg. Diesen sicherte sich Bernard Thévenet. Bis zur Bewusstlosigkeit kämpfte sich der Franzose ins Ziel, in dem Hennie Kuiper den Etappensieg feiern durfte. In Paris lag Van Impe 3:32 Minuten zurück. Gar nicht erst auf der Champs-Elysées angekommen sind zahlreiche Fahrer deshalb, weil sie auf der Etappe nach Alpe d’Huez aus dem Zeitlimit geflogen sind. Über 30 Profis waren zu langsam unterwegs.

3) Alpe d’Huez 1978: Der Urin-Betrug von Michel Pollentier fällt auf

Weitläufig als meistgedopteste Tour de France aller Zeiten bekannt ist die Austragung 1978. Laut Statistik wurden mehr als 50 Prozent der teilnehmenden Fahrer im Laufe ihrer Karriere positiv getestet. Direkt noch während der Tour de France erwischen sollte es Michel Pollentier. Der Sieger des Giro d’Italia und Mitfavorit auf den Tour-Sieg gewann am 16. Juli die Bergankunft in Alpe d’Huez. Damit übernahm der Belgier gleichzeitig das Gelbe Trikot – und musste zur Dopingkontrolle. Während ihm auf dem Rad an diesem Tag alles zu gelingen schien, lief bei der Dopingprobe alles schief. Michel Pollentier hatte eine Plastikblase bei sich, in der sich Fremdurin befand. Eigentlich wollte er diesen den Kontrolleuren unterjubeln und damit einen negativen Test erreichen. Doch der Betrug fiel auf. Pollentier wurde von der Tour de France ausgeschlossen und für wahnwitzige zwei Monate gesperrt. Der Weg war frei für den ersten Gesamtsieg von Bernard Hinault.

4) Alpe d’Huez 1986: Der Feind im eigenen Team

Eines der bekanntesten Bilder in Alpe d’Huez entstand im Jahr 1986. Damals duellierten sich bei der Tour de France die beiden Teamkollegen Bernard Hinault und Greg LeMond. Der Franzose gewann im Vorjahr seine fünfte Tour de France und war auch in der laufenden Saison stark unterwegs. Doch seinem Palmarès sollte der Liebling der Fans keinen weiteren Gesamtsieg mehr hinzufügen können. Dafür verantwortlich zeigte sich ausgerechnet sein Teamkollege Greg LeMond. Der US-Amerikaner war dem Franzosen ebenbürtig. Auf der Zielgeraden in Alpe d’Huez fuhren beide freudestrahlend Hand in Hand nebeneinander. Doch die Harmonie hielt sich verständlicherweise in Grenzen. Beide wollten die Tour de France gelingen. Am Ende der drei Wochen gelang dies Greg LeMond. Er sollte danach zwei weitere Male die Frankreich-Rundfahrt für sich entscheiden können. Doch der Etappensieg ging 1986 – in Absprache – an Bernard Hinault. Übrigens keine Ausnahme, dass der Sieger in Alpe d’Huez nicht die Tour de France gewinnt. Insgesamt gelang dies nur drei Profis: 1952 Fausto Coppi, 2008 Carlos Sastre und 2001 Lance Armstrong. Eine sehr bescheidene Quote, wenn man bedenkt, dass dieser Ort bereits 29 Mal angesteuert wurde.

5) Alpe d’Huez 1991: Gianni Bugno gewinnt erneut – und merkt es nicht

Jeder Fahrer träumt davon, einmal in Alpe d’Huez zu gewinnen. Blöd ist’s nur, wenn man tatsächlich als Erster über die Ziellinie fährt – aber es gar nicht bemerkt. So geschehen 1991. Gianni Bugno triumphierte bereits im Jahr zuvor und galt daher auch in besagter Saison als Mitfavorit auf den Tagessieg. Diesen konnte der Italiener dann auch tatsächlich einfahren. Als er seine letzten Begleiter in Sprint bezwang, wusste er jedoch nichts von seinem Doppelsieg. Zunächst gingen die Kommentatoren davon aus, dass Gianni Bugno einfach zu erschöpft zum Jubeln gewesen war. Im Zielinterview klärte er das Missverständnis auf.

Gianni Bugno:
„Ich dachte, dass sich noch Fahrer vor uns befunden hätten und ich wollte nicht als Idiot dastehen.“

6) Alpe d’Huez 1994-1997: Die Kehren des Teufels sind die Kehren des Piraten

Immer wieder ist vor einer Etappenankunft in Alpe d’Huez von den „Kehren des Teufels“ zu lesen. Die 21 Serpentinen gelten als Mekka im Radsport. Doch inmitten der 90er Jahre vereinnahmte ein Pirat die mythische Bergankunft. Der Italiener Marco Pantani triumphierte 1995 und 1997 in Alpe d’Huez. Bei seinem ersten Sieg stellte er einen Rekord für die Ewigkeit auf. Für den 13,8 Kilometer langen Anstieg mit einer durchschnittlichen Steigung von 8,1 Prozent benötigte er nur 36 Minuten und 40 Sekunden. Auch die Plätze zwei und drei in der Bestenliste belegt Marco Pantani. 1997 raste er in seinem unnachahmlichen Wiegetritt in 36:53 hinauf, 1994 benötigte er eine Zeit von 37:15. Kritiker relativieren seine Leistung auf Grund der Epo-Hochzeit, doch es gibt auch einige Nachteile, mit denen Marco Pantani während seiner Ära zu kämpfen hatte. So waren die Räder damals deutlich schwerer als heute. Außerdem trug das Tour-Peloton 2004 ein Bergzeitfahren nach Alpe d’Huez aus. Obwohl der Sieger Lance Armstrong also nicht bereits über 100 Kilometer in den Beinen hatte, scheiterte er an Pantanis Fabelzeiten – und zwar deutlich! Die Uhr stoppte bei 37:36.

7) Alpe d’Huez 2001: The Look & The Bluff – Armstrong narrt Ullrich

Als „The Look“ und „The Bluff“ in die Geschichte des Radsports eingegangen ist eine Aktion von Lance Armstrong im Jahr 2001. Der Texaner bewarb sich am 17. Juli nicht nur für das Gelbe Trikot, sondern auch für einen Oskar. Mit einer schauspielreifen Leistung spielte er mit seinem Team US Postal den sterbenden Schwan. Nach dem Start in Aix-les-Bains hielt sich der US-Amerikaner stets am Ende des Feldes auf. Ein klares Zeichen: Armstrong ist müde. Sofort ließ Jan Ullrich seine Teamkameraden arbeiten. Das Tempo wurde erhöht, um den Dominator der Tour de France loszuwerden. Doch es gelang nicht. Lance Armstrong überstand die schweren Bergwertungen zum Glandon und zum Madeleine. Als es abschließend hinauf zur Skistation nach Alpe d’Huez ging, zündete er plötzlich den Turbo. Nicht jedoch, ohne Jan Ullrich noch einmal in die Augen zu schauen. Armstrong fährt knapp zwei Minuten heraus und gewinnt die Tour de France.

über den Autor

Michael Behringer

Radsport - Radsport mit all seinen Taktiken, Etappenanalysen, Platzierungen und Prognosen sind die große Leidenschaft von Michael. Im Jahr 1996 hat Michael seine erste Tour de France geschaut. Seitdem verfolgt er nahezu jedes Rennen. Seine Passion Radsport begleitet ihn also seit über zwei Jahrzehnten. Ein Ende ist nicht in Sicht.

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