Radsport Analyse: War DAS der verrückteste Sprint des Jahres?

Radsport Analyse: War DAS der verrückteste Sprint des Jahres?

Radsport: Am vergangenen Freitag kam es bei der Abu Dhabi Tour zu einem Massensprint. Diesen konnte Phil Bauhaus (Sunweb) vor seinen Landsleuten Marcel Kittel (Katusha-Alpecin) und Pascal Ackermann (Bora-hansgrohe) für sich entscheiden. Doch nicht nur aufgrund des historischen Dreifach-Triumphs der Deutschen war dieser Tag etwas Besonderes. Gleich vier Namen wurden direkt nach dem Zieleinlauf als potentielle Sieger genannt. Außerdem war der Sprint durch und durch verrückt. Velomotion wirft einen Blick auf den vielleicht jetzt schon interessantesten Sprint der Saison. Da soll noch mal einer sagen, dass im Radsport die Flachetappen langweilig wären …

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Radsport Analyse: Dieser Sprint war total verrückt

Wie erwartet endete die dritte Etappe der Abu Dhabi Tour in einem Massensprint. Dass ein solcher Sprint um den Tagessieg enorm spannend und interessant sein kann, bewiesen uns die Protagonisten an diesem 23. Februar 2018. Sicherlich erkennt jeder Zuschauer auf Anhieb, dass es verdammt eng war. Niemand konnte den Sieger Phil Bauhaus mit Sicherheit benennen. Dass am Ende drei Deutsche die Nase vorn hatten und ein weitere auf Rang sechs fuhr, erfreute zumindest die deutschsprachigen Fans. Wie kurios und interessant dieser Sprint aber tatsächlich war, wird erst bei genauerer Betrachtung deutlich. Frame by Frame werden wir dir nun mit unserer ersten großen Radsport Analyse 2018 zeigen, dass auch Massensprints und Flachetappen durchaus einiges zu bieten haben.

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1) Die Sprintvorbereitung auf den letzten 200 Metern

Die letzte Kurve wurde passiert. Die Positionskämpfe sind längst ausgefochten worden. Wer jetzt nicht unter den ersten 20 Fahrern zu finden ist, der hat keine Chance mehr auf den Tagessieg. Die Rollen sind eigentlich klar verteilt. Ganz vorn schlägt Luka Mezgec (Mitchelton-Scott) für seinen Kapitän Caleb Ewan ein Höllentempo an. Dahinter haben wir mit Fabio Sabatini (Quick-Step Floors) den Anfahrer für Elia Viviani. Diese beiden Teams haben rund 200 Meter vor dem Ziel alle Trümpfe in ihren Händen. Am Ende wird aber keiner von ihnen unter den Top 3 landen …

Denn dahinter positionieren sich diejenigen, die am Ende das Podium belegen werden. Pascal Ackermann (Bora-hansgrohe) lässt – absichtlich oder nicht – ein Sprinterloch zu Elia Viviani aufgehen. Er hat die beste Position, droht diese jedoch zu verlieren. An seinem Hinterrad sind nacheinander Phil Bauhaus (Sunweb), Mark Renshaw (Dimension Data), André Greipel (Lotto Soudal) und Marcel Kittel (Katusha-Alpecin) aufgereiht. Auf der rechten Seite sehen wir hiner Caleb Ewan vier Fahrer, die eigentlich ebenso gut positioniert sind, wie die Profis auf der linken Seite. Sie werden mit dem Ausgang dieses Radsport Rennens letztendlich aber nichts zu tun haben. Warum? Das sehen wir gleich …

Radsport Analyse Sprint

2) Viviani und Ewan zu früh im Gegenwind

Schalten wir nur wenige Augenblicke weiter, hat sich bereits etwas Entscheidendes getan. Mezgec blickt sich um und erkennt, dass er seinem Teamkollegen Ewan gar keinen Windschatten mehr geben kann. Für ihn ist die Arbeit damit beendet. Letztendlich wird er auf Rang 20 landen. Sabatini hingegen zieht nun rechts an ihm vorbei und will noch einmal das Tempo für Kapitän Viviani erhöhen. Dieser jedoch fährt links an Mezgec vorbei, der jetzt natürlich komplett die Beine hängen lässt und von allen wie ein Verkehrsteiler umfahren werden muss. Die Entscheidung von Viviani hat aber Konsequenzen. Nun wird nämlich auch Sabatini nutzlos und die Kapitäne Viviani und Ewan befinden sich bereits im Wind. Zu früh, denn auf der Zielgeraden herrscht ein starker Gegenwind.

Dahinter genießen die Profis noch den Luxus des Windschattens. Während Kittel am unteren Bildrand schon gar nicht mehr zu sehen ist, erkennt Renshaw bereits, dass für ihn heute nichts zu holen sein wird. Barbier versucht auf der rechten Seite das Hinterrad von Ewan zu halten. Links müssen Ackermann und Bauhaus nun die Entscheidung treffen, ob sie mit Viviani nach links ziehen oder rechts an Verkehrsteiler Mezgec vorbeifahren möchten.

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3) Bauhaus folgt Viviani, alle anderen ziehen nach rechts

Lassen wir das Video nur zwei Sekunden weiterlaufen, sehen wir den entscheidenden Move von Bauhaus. Der spätere Sieger entscheidet sich, Viviani zu folgen und links an den beiden Verkehrsteilern Mezgec und Sabatini vorbeizufahren. Alle anderen Kandidaten ziehen nach rechts. Das ist durchaus verständlich, denn wie der gelb eingefärbte Bereich uns zeigt, versperren die beiden Verkehrsteiler fast die halbe Straße. Auf der rechten Seite ist viel mehr Platz. Doch auch dieser Platz wird schwinden, weil nun alle nach rechts ziehen.

Ganz unten am Bildrand sehen wir Greipel und Kittel, die in der aktuellen Situation überhaupt nicht wissen können, wo sie hinfahren sollen. Selbst wenn sie einen Geschwindigkeitsüberschuss hätten, könnten sie diesen nur schwer ausspielen. Rechts oben hat sich Barbier mittlerweile perfekt an das Hinterrad von Ewan herangesaugt. Er hat nun eigentlich die beste Position aller Beteiligten. Denn er hat das Hinterrad des in diesem Moment schnellsten Sprinters. Außerdem kann er rechts oder links an ihm vorbeiziehen. Doch Barbier ist einfach noch kein absoluter Top-Sprinter. Ihm fehlt die Geschwindigkeit, um den Windschatten perfekt auszunutzen. Außerdem wird er später auch noch eine falsche Entscheidung treffen …

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4) Bauhaus zieht vorbei und Greipel sieht die Lücke aufgehen

Jetzt sind wir endgültig in der heißen Phase. Es sind nur noch rund 50 Meter. Wer jetzt noch einmal ausgebremst wird, der hat keine Chancen mehr. Sehen können wir das auf der rechten Seite, wo sich – wie vorhin schon angedeutet – in der blauen Zone alles verdichtet. Da Ewan nun noch etwas nach rechts ziehen wird, befinden sich fünf Fahrer in einem Bereich, in dem eigentlich nur ein Mann Platz hat. Und weil Ewan nun schon lange im Wind fährt und seine Kräfte schwinden, wird er deutlich langsamer. Auch wenn er jetzt noch auf Siegkurs ist, wird er am Ende nur auf Rang fünf landen. Alle hinter ihm befindlichen Sprinter nimmt er komplett raus aus dem Rennen. Barbier, der vorhin noch die beste Position hatte, wird am Ende nur Siebter.

Die Entscheidung fällt also nicht rechts, sondern links und in der Mitte auf den letzten 50 Metern. Bauhaus versucht nun rechts an Viviani vorbeizuziehen. Beide werden nun bis zur Ziellinie Kopf an Kopf sprinten. Da Ackermann immer weiter nach rechts zu ziehen scheint, sieht Greipel plötzlich seine Chance gekommen. Alles im grünen Bereich: Der deutsche Altmeister hat eine höhere Geschwindigkeit, kann den Windschatten mitnehmen und vor ihm ist genau mittig alles frei. Kittel hingegen hängt rechts hinter Greipel und weiß immer noch nicht, wo um Himmels Willen er hinfahren soll.

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5) Kittel dreht alles auf links, Greipel muss bremsen

Im letzten Bild vor der Ziellinie werden wir sehen, wie schnell sich eine vermeintlich gute Situation in eine ausweglose verändern kann. Gerade eben noch – vielleicht vor 1,5 Sekunden – dachte Greipel an den Etappensieg. Jetzt schon weiß er, dass es nicht einmal mehr das Podium werden kann. Wir erinnern uns an das Bild zuvor: Mit einem Geschwindigkeitsüberschuss sah er vor sich die riesige grüne Lücke aufgehen. Diese ist nun einer schmalen roten Gasse gewichen, durch die der Gorilla gewiss nicht passen kann. Greipel hört auf zu sprinten, weil er sonst einen Sturz verursacht. Sein Tempo kann er nicht in ein gutes Ergebnis umwandeln. Am Ende wird er Sechster. Bitter: Rechts neben Ackermann und links neben Ewan wäre nun die grüne Lücke gewesen. Ewan zog nach rechts, Ackermann nach links. Hätte Greipel dies erahnt, wäre er nun rechts an Ackermann vorbeigerast und hätte die Etappe gewonnen.

Während Greipel abbremsen muss und ganz rechts der Zug mit der Ewan-Lokomotive immer langsamer wird, spielt sich links nun unfassbares ab. Kittel ist den ganzen Weg links rüber gefahren. Da sich Viviani und Bauhaus immer weiter in die Mitte orientieren, wird links plötzlich ein Platz frei. Kittel schießt mit einer unglaublichen Geschwindigkeit genau in diese Lücke hinein. Derweil werden Viviani, Ackermann und eben Ewan immer langsamer, weil sie alle drei schon seit längerer Zeit ihre Nase in den Wind halten.

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6) Bauhaus gewinnt und Kittel kommt zu spät

Faszination Radsport, Faszination Flachetappen: Nach 133 Kilometern erreichen die Profis das Ziel. Wir haben in dieser Analyse gerade einmal die letzten 200 Meter beobachtet. Wir sehen nun, dass wir selbst bei diesem Standbild nur schwer erkennen können, wer diese Etappe eigentlich gewonnen hat. Das Zielfoto beweist jedoch dann: Phil Bauhaus triumphiert vor Marcel Kittel, Pascal Ackermann und Elia Viviani. Caleb Ewan wird Fünfter vor einem frustrierten André Greipel. Die Lücke zwischen Ackermann und Ewan ist immer noch frei, doch er hängt hinter Ackermann und Bauhaus fest. Gleichzeitig denkt Kittel, dass er die Etappe gewonnen hat, weil er natürlich mit dem meisten Schwung über die Ziellinie brettert.

Freud und Leid liegen im Radsport eben manchmal so nahe beieinander. Selbst nach über 100 Kilometern entscheiden nur Millimeter zwischen Rang eins und Rang vier. Die Gründe für Triumph oder Niederlage erkennen wir erst, wenn wir uns die Ankunft Bild für Bild ansehen. Von André Greipel beispielsweise war nach dieser Etappe keine Rede. Hätte er 20 Meter vor dem Ziel aber die richtige Entscheidung getroffen, hätte er vermutlich gewonnen. Hätte, hätte, Fahrradkette …

Radsport Analyse Sprint

über den Autor

Michael Behringer

Radsport - Radsport mit all seinen Taktiken, Etappenanalysen, Platzierungen und Prognosen sind die große Leidenschaft von Michael. Im Jahr 1996 hat Michael seine erste Tour de France geschaut. Seitdem verfolgt er nahezu jedes Rennen. Seine Passion Radsport begleitet ihn also seit über zwei Jahrzehnten. Ein Ende ist nicht in Sicht.

4 Kommentare

  1. Matthias
    Matthias

    Endlich mal ein Bericht, der einen Sprint wirklich gut erklärt vor allen Dingen für „Nichtsprinter“. Vielen vielen Dank, für diese wirklich sehr fachkundige Analyse.
    Matthias

    Direkt antworten

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