Rennrad im Tannheimer Tal: Vom Glück auf der Straße
Foto von Marco Felgenhauer

Rennrad im Tannheimer Tal: Vom Glück auf der Straße

Rennradreisen: Die Rennradregion Tannheimer Tal war lange Jahre ein echter Geheimtipp. Doch das änderte sich in den letzten Jahren rapide durch den exzellenten Radmarathon Tannheimer Tal, den der örtliche Tourismusverband auf die Beine gestellt hat. Zur diesjährigen Austragung ist Velomotion zu Gast im wunderschönen Hochtal.

Das Glück muss tatsächlich auf der Straße liegen – und zwar genau hier! Es rollt richtig gut auf dem schmalen Asphaltband, das man zwischen die Felswand des Rotflüh und den Haldensee gezwängt hat. So gut, dass es nach der überhitzten Luft der Mittagsstunden nun schon wieder kühlend unters Trikot zieht.

Kaum ein Auto ist unterwegs, was dem Glücksgefühl förderlich ist. Gegen Abend wird es generell ruhiger auf der einzigen Bundesstraße, die durch das Tannheimer Tal führt, und so lassen sich die letzten Kilometer unserer Tour richtig genießen. Es ist der letzte Tag und der krönende Abschluss von zwei Tagen Rennrad-Kurzurlaub mit vielen neuen Eindrücken, in einer Gegend, die bisher nur in wenigen Köpfen als Radsport-Paradies gespeichert ist. Wir sind in Tirol, doch so richtig glauben wollten wir das weder beim Gespräch mit unseren Gastgebern noch bei unserem Treffen mit Tourismus-Chef Michael Keller. Die Sprache erinnert doch schwer an das mehr als nahe gelegene Allgäu. Und der Fremdenverkehr sei sowieso ganz auf Deutschland hin ausgerichtet, die überwältigende Mehrzahl der Urlauber komme aus dem nördlichen Nachbarland, erklärt uns Keller.

Der Mann ist – nicht nur aus unserer Sicht – ein wahrer Glücksfall für das Hochtal. Als ehemaliger Amateur-Radrennfahrer und späterer Bundestrainer der österreichischen Mountainbiker bringt er nicht nur viel Kompetenz in Sachen Radsport mit, er fühlt sich den Sportlern auch in besonderem Maße verpflichtet. Seit fünfzehn Jahren ist er der OK-Chef des SkiTrail, einem der großen Skimarathons in den Alpen. Langlaufen hat eine lange Tradition in Tannheim und den dazugehörigen Ortschaften wie Schattwald, Grän oder Nesselwängle, doch inzwischen hat auch der Radsport endlich Fuß fassen könne auf diesem schönen Flecken Erde zwischen Sonthofen im Westen, Pfronten im Norden und Reutte im Osten.

Tannheim_2016_3Kellers Idee war es auch vor nunmehr acht Jahren, einen eigenen Radmarathon ins Leben zu rufen. Zwar war das Tal schon zahlreiche Male Schauplatz großer Rennrad-Events, doch zumeist nur als Ort entlang der Strecke. Angefangen von der Deutschland-Tour bis hin zur Tour-Transalp fuhren schon viele Profis und Amateure den spektakulären Anstieg zum Oberjoch hinauf, durch das Tannheimer Tal und über den Gaichtpass wieder hinunter. Im Sommer 2016 findet der Radmarathon bereits zum achten Mal statt, und wenn der OK-Chef über die einzelnen Strecken spricht, kann man erahnen, woher die Ideen zur Streckenplanung kommen. Es sind die Trainingsrunden aus seiner eigenen aktiven Zeit, die hier zu einem spektakulären Granfondo zusammengestellt wurden.

Zum Glück gibt es in Tannheim recht viele Möglichkeiten, eine Tour zu beginnen. Anders als in den meisten Alpentälern, die gerade einmal die Alternativen „bergauf“ oder „bergab“ zu bieten haben, lässt es sich entlang des Hochtales gemütlich einrollen. Über drei recht kurze Pässe gelangt man dann nach Oberjoch, Pfronten oder Weißenbach in der Nähe von Reutte und kann von dort aus zahlreiche Varianten anschließen, von der eher flachen Runde rund um den Grünten bis hin zu Hochgebirgsetappen über das Hahntennjoch. Das Tannheimer Tal selbst eignet sich dagegen hervorragend, um sich die Müdigkeit der Anreise aus den Beinen zu fahren.

Streckenauswahl wie sonst kaum in den Alpen

Und so führen uns noch am Tag unserer Ankunft mit Verena und Stephan zwei „Local heroes“ auf einer gemütlichen Runde durch das Tal. Auf kleinen Nebenstrecken umgehen wir die oft stark befahrene Hauptstraße. Der Weg führt westwärts, von Tannheim aus in Richtung Schattwald. Ziel ist ein Aussichtspunkt mit dem verheißungsvollen Namen „Zugspitzblick“. Dass man dafür hoch hinaus muss, war uns klar, und so rollt es noch nicht lange flach dahin, als wir in Zöbeln rechts weg auf eine steile Seitenstraße abbiegen. Es wäre wohl das Traumszenario für eine Bergankunft: ein schmales Stück Asphalt, kaum breit genug für zwei einander entgegenkommende Autos, und oben ein Gasthof mit Fläche für den Zielbereich. Die fehlenden Leitplanken erlauben den freien Blick hinunter aufs Tal, wodurch wir schon einmal einen ersten Überblick gewinnen können. Recht nah unter uns liegt Tannheim, der Ort, der nicht nur geografisch so etwas wie den Mittelpunkt des Tales darstellt. Wenn ein großes Event stattfindet, dann sicherlich hier.

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Gleich neben der Bundesstraße liegen das Bürogebäude des Tourismusverbandes und der Skilift zum Neunerköpfle. Und genau da, wo sich in den Wintermonaten die Skifahrer um die Parkplätze streiten, ist auch das Start- und Zielgelände des Tannheimer Radmarathons. Innerhalb kürzester Zeit haben die erfahrenen Organisatoren eine Veranstaltung aufgezogen, die schon bei der zweiten Austragung den Titel des Österreichischen Staatsmeisters im Radmarathon vergeben durfte. Über einen schlechten Draht zum ÖRV kann man sich in Tannheim jedenfalls nicht beklagen. Und auch sonst lässt Michael Keller seine Verbindungen gerne spielen, um „sein“ Rennen etwas aufzuwerten. Wie in jedem Jahr werden auch heuer bereits ab Mittwoch die Ex-Profis Gerrit Glomser und Marcel Wüst zu mehreren gemeinsamen Ausfahrten einladen; alle Marathonisti, die bereits ihr Quartier bezogen haben, sind herzlich eingeladen, um gemeinsam „auf Temperatur“ zu kommen.

Auch die neue 230-km-Runde hat es in sich

Tags darauf wollen wir uns die geänderte 230 Kilometer lange Runde des Tannheimer Radmarathons ansehen. „Besser lässt sich die Vielfalt der Rennradstrecken rund um Tannheim kaum demonstrieren,“ erklärt uns unser Guide Stephan.

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Es ist recht kühl am folgenden Morgen, aber das ist hier, auf 1.100 Meter über dem Meer, eigentlich normal, selbst im Hochsommer. „Gerade deshalb lässt es sich ja auch so gut hier aushalten“, meint Stephan, den alle nur „Schmidi“ nennen. Verglichen mit anderen Alpentälern ist die Radsaison hier relativ lang; schon im April holt man gerne die Räder aus dem Keller. Trotzdem bleibt das Klima recht stabil. Während „drunten“ in Kempten oder Reutte drückende Schwüle herrscht, kann man im Hochtal selbst zur Mittagszeit noch kurze Trainingseinheiten einlegen, gekrönt vom abschließenden Sprung in den Haldensee. Wir dagegen ziehen lieber die Armlinge hoch und freuen uns über die paar Höhenmeter, die auf dem Weg Richtung Grän zusammenkommen.

Tannheim_2016_2„Gut gelöst“, geht es mir durch den Kopf, nämlich im Vergleich zu vielen anderen Radmarathons, die sehr flach – und mit zahlreichen Stürzen – beginnen. Hier zieht sich das Feld schon weit in die Länge, bevor die erste kurvenreiche Abfahrt beginnt. Es ist eine Fahrt ins Warme, die ersten Sonnenstrahlen haben die Luft im Allgäu schon deutlich aufgeheizt. Jungholz, Oy-Mittelberg, Immenstadt, Ofterschwang, Obermaiselstein – die Orte fliegen nur so an uns vorbei, es ist einigermaßen flach, und es rollt gut. Bis wir den Riedbergpass erreichen. Zwar ist der nur sechs Kilomter lang doch bei knapp 600 Höhenmetern weiß man was das bedeutet – Spitzen nämlich bis an die 20 Prozent steil. Da schießt das Laktat in die Beine und man ist dankbar für „moderne“ Übersetzungen von 34×29. Auf der anderen Seite des Berges hat uns Österreich wieder und damit einer der längsten Anstiege, die mir in den Sinn kommen. Ab Streckenkilomter 120 zieht sich die Straße für rund 40 Kilomter bis zum 1620 m hoch gelegenen Hochtannbergpass. Tausend Höhenmeter gilt es zu sammeln. Was sich moderat anhört wird durchaus zur Qual, denn die Sonne hat uns aus Süden voll im Visier. Doch wer oben ist, den entschädigt die 50 Kilometer lange Abfahrt durch das Lechtal. Traumhaft schön wird bis nach Weißenbach richtig Tempo gemacht und Zehntel für Zehntel nähert sich der Schnitt wieder vorzeigbaren Dimensionen.

Beim Marathon wird in Weißenbach eine der wichtigsten Verpflegungsstellen aufgebaut sein, denn niemand sollte sich davon verführen lassen, dass es nur noch zwanzig Kilometer bis ins Ziel sind – die haben es in sich. Der Gaichtpass liegt nämlich noch zwischen uns und Tannheim, jene kleine Rampe mit 250 Höhenmetern, die man im Streckenplan so gerne übersieht. Nach 210 Kilometern können die paar Serpentinen Verzweiflung hervorrufen, vor allem wenn einem der Wind aus Westen kommend ins Gesicht bläst.

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Die Sonne steht schon tief, als wir die Passhöhe kurz vor Nesselwängle überqueren und glücklich die letzten Kilometer im Tannheimer Tal in Angriff nehmen. Noch liegt die warme Luft des Tages in der Talsohle, doch spätestens an den schattigen Ecken des Haldensees wird es merklich kühler. Ist es Glück oder doch eher das Abendessen, das die Touristen in die Hotels gelockt hat? Es soll uns egal sein, solange wir die Straßen für uns haben.

Rennradfahrer haben wir unterwegs übrigens einige gesichtet. Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in Tannheim vor acht Jahren – da waren das noch echte Exoten.

roadbike-holidays.com bietet wertvolle Tipps für Touren und Rennrad-Urlaub im Tannheimer Tal und vielen weiteren Regionen in den Alpen. Die Standards für Roadbike-Holidays Partnerhotels liegen sehr hoch, um den Ansprüchen leidenschaftlicher Rennradfahrer zu genügen.

Im Tannheimer Tal ist dies beispielsweise das Hotel Bogner Hof.

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über den Autor

Marcus Degen

Marcus Degen ist Gründer des deutschen Radsportmagazins Procycling und war für neun Jahre dessen Chefredakteur. Während dieser Zeit gründete er als Herausgeber auch die Magazine Fahrrad News und World of Mountainbiking. Er hat Physik und Ingenieurwesen in München studiert und war in den späten Achtzigern und Neunzigern als Radamateur und Triathlet aktiv. Anfang 2013 rief er das digitale Fahrrad-Magazin Velomotion ins Leben.

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