Nate Koch: Ein Ami ist Berlins neues Sechstage-Idol

Nate Koch: Ein Ami ist Berlins neues Sechstage-Idol

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Noch letzte Woche Mittwoch konnte kaum jemand etwas mit dem Namen Nate Koch anfangen. Genau eine Woche später kennt zumindest das Publikum des Berliner Sechstagerennens seinen Namen und hat irgendwie auch ein neues Idol – zumindest in Sachen „wie begeistere ich Abend für Abend 10.000 Zuschauer mit meiner Show?“

Nate Koch ist 28 Jahre alt, ehemaliger Zehnkämpfer, kalifornischer Sunnyboy mit Rauschebart und strahlendem Lachen und derjenige, der bei den Berliner Sixdays die Massen animiert hat, wie selten jemand zuvor. Zum Bahnradsport kam er eher durch Zufall: Über 15 Jahre lang war er als Leichtathlet und Zehnkämpfer leistungssportlich aktiv. Wann immer er verletzt war, setzte er sich zwar gerne aufs Rad, doch immer nur zu Reha-Zwecken. Das änderte sich schlagartig, als er 2009 von Freunden aus dem US-amerikanischen Bahn-Nationalteam mitgenommen wurde ins olympische Velodrom von Los Angeles und Nate aus dem Staunen nicht mehr herauskam. Nach einer ersten Runde auf der Bahn war es um Nate Koch geschehen und er hat seitdem nicht ein einziges Mal zurück geschaut oder die Tartanbahn des Leichtathletik-Stadions vermisst.

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Obwohl er erst seit Oktober 2010 auf der Bahn fährt, ist er inzwischen erfolgreicher als in seinen gesamten Jahren als Leichtathlet: Er fährt für das US-Nationalteam, ist nationaler Meister im Teamsprint, hält den US-Rekord im Teamsprint und trainiert hart für Olympia 2016 – seinen großen Traum, den ihm die Leichtathletik nie ermöglicht hätte.

Last-Minute-Einladung nach Berlin

Zum Berliner Sechstagerennen ist er keine zwei Wochen vorher, erst Mitte Januar, eingeladen worden, nachdem Robert Förstemann seinen Start verletzungsbedingt absagen musste. Ruckzuck war der Flug gebucht, ohne wirklich zu wissen, was ihn dort im kalten deutschen Winter erwarten würde. Und wer dachte, es sei ein Verlust auf den Mann mit den dicksten Oberschenkeln verzichten zu müssen und als Ersatz jemand gänzlich Unbekannten im Starterfeld zu haben, wurde bereits am ersten Abend eines Besseren belehrt: Selten haben die Sprintwettkämpfe so viel Spaß gemacht wie in diesem Jahr.

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„Das ist absolut irre hier!“

Nach seinem ersten Sprint am Dienstagabend (dem letzten Renntag) sitzen wir im Fahrerlager, er verschnauft noch. Das hält ihn nicht davon ab, vor Begeisterung über die Veranstaltung zu sprühen, obwohl er jetzt am 6. Tag enorm mit seinem Jetlag zu kämpfen hat, wie er mir erzählt. Er sei erst einen Tag vor dem Start angereist, hatte also überhaupt keine Chance, seinen Körper darauf einzustellen, dass sein Tagesrhythmus sich um neun Stunden verschiebt. Egal, es sei so irre hier, dass das schon irgendwie geht. Auf meine Frage, ob er etwas ähnliches wie die Sixdays in Berlin schon erlebt hat, sagt er klar und schnell: „Nein!“ Am nächsten dran an der Stimmung, die er hier erlebt, sei noch das Drag Race in LA. Ein Event jedoch weit entfernt von einer Veranstaltung wie ein Sechstagerennen. Das Drag Race kommt aus der Underground Fixie Szene in L.A.: Ein Sprintwettbewerb, Mann gegen Mann, auf abgesperrter Straße, 333 m Vollspeed, um über mehrere Wettkämpfe bis spät in die Nacht den Schnellsten zu küren. Keine typische Szenerie für einen Bahnsprinter, wie man ihn in Mitteleuropa erwarten würde, aber das ist genau das, was Nate Koch so besonders macht: Man sieht ihm an, dass er mit dem Radsport genau das gefunden hat, was ihn glücklich macht und das er jeden einzelnen Moment auf dem Rad unglaublich bewusst und mit Spaß genießt. Egal, ob auf der Bahn, in der Fixie Szene, auf der Straße oder zusammen mit seiner Frau auf dem Tandem durch Long Beach cruisend.

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Nate Koch reißt sich das Trikot vom Leib wie Robert Harting

Was ihm beim Sechstagerennen am besten gefällt möchte ich von ihm wissen: „Oh man… just the energy of the crowd. Like, I can’t believe it’s a Tuesday night and there’s like 10.000, 12.000 people here! It‘s ridiculous. The people… they‘re amazing!“
Etwas später am Abend sprechen wir darüber, wie unterschiedlich er den Bahnradsport in den USA im Vergleich zu dem, was er hier erlebt, wahrnimmt und er erzählt, dass er gerne einen Beitrag dazu leisten würde, „seinen“ Sport in den Staaten bekannter zu machen, denn dort ist er noch mehr Nische ohne großes Publikum als hier. Während er mir das erzählt, sitzt er entspannt und freihändig auf der Rolle, wärmt sich für seinen vorletzten Wettkampf, den Keirin-Sprint auf und schaut sich im Velodrom um, als ob er immer noch nicht glauben kann, wo er hier gelandet ist. Schnell hat er gemerkt, dass das Publikum ihn liebt und als amerikanischer Showman durch und durch liegt es ihm im Blut, mit den Massen zu spielen und sie anzuheizen. Das zeigt er auch direkt im Anschluss im Keirin-Sprint: Er gewinnt mit Längen Vorsprung an seinem letzten Abend in Berlin und noch während der ersten Runde nach der Zieldurchfahrt reißt er sich sein Trikot vom Leib, wie wir es sonst nur von Robert Harting kennen. In der zweiten Auslauf-Runde hält er seine GoPro in der Hand und filmt, was er hier gerade erlebt. Wie man ihn da so sieht, fragt man sich fast, wer hier eigentlich Fan von wem ist…

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In jedem Fall hat nicht nur Nate Koch jede Menge neue Fans gewonnen, sondern auch das Berliner Sechstagerennen hat einen neuen Fan. Er will unbedingt wiederkommen und im nächsten Jahr wieder neben Maximilian Levy, inzwischen einem guten Freund, fahren. Und weil er nicht nur Fan vom Sechstagerennen geworden ist, sondern auch von der Bahnszene in Europa, wird er bereits im Sommer wieder hier sein, um mit Maximilian Levy einige Wettkämpfe in Cottbus zu bestreiten. Die Fans dort können sich jetzt schon auf gute Unterhaltung freuen!

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